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Blog über Kreativität, Kreativitätsforschung und Innovationskultur

Archiv für die Kategorie ‘Innovationskultur’

Dare to Try.

Mittwoch, 11. Januar 2012

Interessanter Artikel im Handelsblatt und sehr intime Einsichten in das Unternehmen Tata. Der indische Autobauer zeichnet angeblich gescheiterte, aber mutige Ideen mit dem Preis „Dare to Try“ aus.

Klasse Idee!

Ein prima Beitrag zur Innovationskultur. Erstens wird dadurch das Treffen von mutigen Entscheidungen gefördert und macht den Mitarbeitern auch klar, dass es nicht unbedingt schlimm sein muss zu scheitern.

Interessante Einblicke auch in das Unternehmen 3M: Querdenken und “mutige Entscheidungen zu treffen” werden ausdrücklich in der Jahresbewertung der Mitarbeiter belohnt.


Blackberry aus – Kreativität ein.

Freitag, 23. Dezember 2011

Der Hirnforscher Ernst Pöppel hat mal folgendes gesagt:

„Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.“

Was er damit meinte:
Nur wer die Fähigkeit besitzt abzuschalten, kann kreativ sein.

Und bei VW scheint laut SZ diese Annahme jetzt Wirklichkeit zu werden. Nicht nur wegen mehr Kreativität, sondern vor allem um den Burn-Out zu bekämpfen:

Mehr als 1000 Mitarbeiter von Volkswagen können sich künftig darauf verlassen, dass sie nach Feierabend nicht mehr über ihren Blackberry mit Beruflichem belästigt werden. Eine neue Betriebsvereinbarung sieht vor, dass Angestellte mit Tarifvertrag eine halbe Stunde nach Arbeitsende nicht mehr über das Blackberry-Netz erreicht werden können. Der Server wird in dieser Zeit heruntergefahren, Unternehmens-E-Mails können nicht mehr empfangen werden. Erst eine halbe Stunde vor Beginn des nächsten Dienstes werden sie wieder hochgefahren.

Dass VW dies jetzt für 1000 Angestellte umsetzt finde ich erstmal ganz schön mutig. Und dafür sollte es einen kleinen Extraapplaus geben!
Trotzdem frage ich mich:
1. Warum geht VW so nicht auch mit seinen Lieferanten und Dienstleistern um? Viele Burn-Outs die bei VW entstehen, geschehen doch sicherlich nicht nur im Unternehmen, sondern auch drum herum.
2. Wird die Burn-Out Quote wirklich zurück gehen, weil das Blackberry ausgeht? Das bezweifle ich. Menschen, die Burn-Out gefährdet sind, sind selten Sklaven ihrer Blackberrys, sondern fehlt es meistens an Priorisierungsgespür. Oft sind Burn-Out-Gefährdete auch in Abhängigkeiten verstrickt, die sie zu einseitigen Befehlsempfängern macht. Und das macht kraftlos.

Meine Prognose zum “Blackberry-Ausschalten-von-VW”:
Der Kreativitätsschub wird kommen. Die Burn-Out-Rate bleibt gleich.


Warum die Bewerbungsportale der großen Firmen ungeeignet sind innovative Mitarbeiter zu finden.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Seit eineinhalb Jahren wohne ich nun in München. Meine Frau und meine Tochter zogen vor wenigen Monaten nach. Und natürlich begann eine spannende Zeit für meine Frau. Denn sie hatte ihren Job in Hamburg gekündigt und wollte sofort einen neuen in München finden. Das hat sie auch mittlerweile längst. Und sie ist sehr glücklich.
Während der Bewerbungsphase jedoch musste sie sich immer wieder mit den Bewerbungsportalen der großen Markenunternehmen im Internet auseinandersetzen. Denn für alle die das nicht wissen: Bewerbungsunterlagen kann man heute schon lange nicht mehr offline einsenden. Das geht heutzutage ALLES online.

Und da mussten wir schon staunen!
Selten haben wir erlebt wie manche Firmen jeglichen kreativen Spielraum der Bewerber absichtlich kleinhalten wollen. Wirklich schlimm ist es bei den richtig großen Unternehmen: hier wird offensichtlich nicht nach kreativen und innovativen Mitarbeitern gesucht, sondern nach Menschen, die sich am besten in ein Schema pressen wollen.

Anbei einige erstaunliche Anektdote meiner Frau während des Bewerbungsprozess:

Vor ein paar Monaten zog ich meinem Mann hinterher nach München. Ich freute mich sehr auf den Umzug, den Tapetenwechsel und vor allem auf ein neues Unternehmen. Entschieden kündigte ich bei meinem langjährigen Arbeitgeber – ein großer internationaler Kosmetikartikelhersteller aus Hamburg. Ich war sehr optimistisch eine attraktive Marketing- oder Produktmanagementposition in München zu finden. Hat die Stadt doch den Ruf einer Wirtschaftsmetropole der ständig Fachkräfte ausgehen. Meine positive Einstellung kam nicht zuletzt auch daher, dass ich mich selbst als sehr flexibel und offen einstufte. Welche Branche? Da bin ich ganz offen. Warum nicht zum Beispiel Online-Marketing ausprobieren (bei Amazon?) oder in die bisher unbekannte Welt der Fashion einsteigen (Timberland? Triumph?). Eventmarketing würde mich auch reizen (bei BMW oder Rodenstock). Ich träumte mich in die Welt der unbegrenzten Jobeinstieg-Möglichkeiten hinein und war bereit einiges in Bewegung zu setzen. Grenzen Sprengen, das Ganze kreativ angehen, Neues ausprobieren, darauf hatte ich richtig Lust!

Im World Wide Web fand sich rasch eine Fülle an interessanten Anzeigen. Mein Elan bekam einen spürbaren Bremser als ich festgestellt hatte, dass man sich bei jedem Unternehmen als Bewerber registrieren musste. Dabei musste man seitenweise Online-Formulare ausfüllen, Bewerbungsunterlagen uploaden, etc. Selbstverständlich habe ich mich mit jedem Unternehmen intensiv auseinander gesetzt, ein individuelles Anschreiben war ein absolutes Muss. Es dauerte trotzdem locker 2 Stunden pro Bewerbung meine Schuljahre, 10 Jahre zurück liegende Praktika und weitere Details wieder und wieder in der für die HR-Beamten richtigen Reihenfolge in die Bewerbungsportale einzuhacken. Meine Kreativität und Individualität wurde in einen Rahmen gepresst.

Das Einhacken hat sich jedoch gelohnt – zahlreiche Einladungen für Gespräche flatterten ins Haus. „Haben Sie Erfahrungen im Trade Marketing?“ – fragte man mich in einem der ersten Gespräche. „Nein, noch nicht direkt, aber genau deshalb möchte ich da hin! Ausserdem habe ich Erfahrungen in den X, Y, Z Marketing-Bereichen und habe mit Trade Marketing Abteilung eng zusammen gearbeitet“. „Hm“.

„Diversity ist für unser Unternehmen von großer Bedeutung“ – dieser Satz in der Anzeige eines Yoghurt Herstellers hörte sich sehr gut an. Weniger gut klang dann die Absage: „Sie haben beeindruckende Qualifikationen, aber wir haben uns für einen Kandidaten aus dem Food-Bereich entschieden.“ Liebe Unternehmen, was ist mit „Diversity“, „Quereinsteigertum“ und somit mit Kreativität und Innovation? Schnell wurde mir klar, die Branche oder den Marketing-Bereich zu wechseln wird nicht so einfach sein, wie gedacht.

Weitere überraschende Seiten zeigten einige renommierte Unternehmen in puncto Unflexibilität und Trägheit. Ein führender Leuchtmittelhersteller meldete sich erst 1,5 Monate nach dem Einreichen der Bewerbung, das Gespräch fand noch einen Monat später statt, für die Entscheidung wollte man sich satte zwei Monate Zeit nehmen. „Denen rennen doch alle Spezialisten weg“ – dachte ich mir insgeheim. Und auch mich konnten sie nicht gewinnen – das ging mir alles viel zu langsam.

Bei meinem neuen Arbeitgeber ging Gott-sei-Dank alles sehr schnell. Es ist wieder ein internationaler Kostmetikhersteller geworden, allerdings habe ich den Marketing Bereich gewechselt.

Liebe Unternehmen, liebe HR- und Fachbereichentscheider, wenn es in Deutschland bald tatsächlich so kommt, wie es prophezeit wird, wenn der große Fachkräftemangel wirklich im Anmarsch ist, dann müsst auch ihr in der Zukunft kreativer, flexibler und offener für Neues werden! Diversity nutzt nur dann was, wenn es nicht als Schmuckstück in der Unternehmensphilosophie missbraucht wird. Der nächste Topbewerber kommt schneller als ihr denkt – aber ihr werdet ihn nicht bekommen, wenn eure HR-Leute nur Online-Formulare lesen können und erst nach sechs Wochen sich melden.


Deadlines können Kreativität beflügeln.

Freitag, 25. November 2011

;-)
Können! Müssen nicht.
Aber der Film hat was. Auch wenn’s böse ist.


Sechs Ideen wie man Innovationskultur verhindert!

Freitag, 25. November 2011

Teresa Amabile, Professorin an der Harvard Business School und Autorin der Bücher The Progress Principle, Creativity in Context und Growing Up Creative), hat 6 sichere Tipps, wie man jegliche Innovationskultur in einem Unternehmen zunichte macht.

Sehr lustig!

Der falsche Job für den falschen Mitarbeiter. Stellen Sie sicher, das die Jobs, in denen es um die kreativen Prozesse im Unternehmen geht, nach den Kriterien Verfügbarkeit, Dienstrang und Lebensalter (wahlweise entweder die Erfahrensten oder die Jüngsten) vergeben werden. Und fragen Sie auf keinen Fall nach besonderer Eignung, kreativem Denktalent und –besonders unwichtig- nach Teamfähigkeit. Damit nehmen Sie die erste Hürde auf dem Weg zu ideenfreien Arbeitsergebnissen.

Freiräume einschränken. Setzen Sie klare Ziele. Und sorgen Sie dann dafür, daß Sie möglichst keinen Spielraum lassen, wie diese Ziele zu erreichen sind. Zwei sehr gute Methoden dazu sind erstens das möglichst häufige Wechseln der Zielsetzungen im Prozess. Das limitiert die Zeit. Und zweitens müssen Sie Ihre Abneigung gegen die Benutzung neuer Methoden subtil deutlich machen. Das engt den Ideenfluß entscheidend ein.

Ressourcen einschränken. Kreativität ist nicht nur eine Frage von Zeit, sondern auch von Geld. Und zwar nicht das Geld, mit dem man die schicken Open-Space Büros für die Kreativitätstruppe ausstattet und ihnen noch einen Tischfußball-Tisch an den Wasserspender stellt. Sondern das Geld, das nötig ist, um den Mitarbeitern mentale Freiräume einzuräumen. Sorgen Sie also dafür, das Sie Zeitdruck mit Verknappung der Ressourcen paaren. Das verhindert besonders effektiv kreatives Arbeiten.

Vielfalt eindämmen. Verhindern Sie auf jeden Fall abteilungsübergreifendes Arbeiten jenseits der berühmten Fach-Silos. Sorgen Sie stattdessen dafür, das möglichst viele Leute im Ideen-Team die gleichen Talente, Leidenschaften und Erfahrungen mitbringen. Die kommen prima miteinander aus, die zur Kreativitätsentfaltung oft nötige Reibungshitze entfällt – und der Ideen-Output bleibt übersichtlich.

Immer schön kritisch bleiben. Sie wissen ja: Es ist einfacher, kritisch zu sein, als konstruktiv. Begegnen Sie also den Ergebnissen Ihres Ideen-Teams erst einmal mit ellenlangen Mängellisten, Auswertungen und kritischen Bewertungen. Mindestens genauso wichtig ist besonders harsche Kritik und öffentliche Bloßstellung des betreffenden Mitarbeiters oder Teams, wenn eine der neuen Ideen in der Implementierungsphase nicht gleich funktioniert. Die überlegen sich das beim nächsten Mal zweimal, ob sie noch eine Idee haben wollen.

Politik zulassen. Kreativität braucht Auseinandersetzung. Aber keine Hahnenkämpfe, Abteilungsinfights und sonstige Politikspielchen. Sorgen Sie also dafür, das Informationen zwischen den Teammitgliedern nur unzureichend hin- und herfließen. Fördern Sie Teamhierarchien und “Cover my ass”-Haltungen. Mischen Sie sich nicht als Schlichter ein, wenn die Kämpfe beginnen. Und schon wird der Ideenfluß zum Rinnsal.


Wie man seinen Kunden beweist, dass ein enges Timing ein Kreativitätskiller ist.

Montag, 07. November 2011

Wunderschönes Video:


Bürofreundschaften beflügeln die Kreativität.

Dienstag, 01. November 2011

Heute was Interessantes aus der Zeit:

Eine Befragung der WirtschaftsWoche unter Mitarbeitern der Targobank in Düsseldorf passt ins Bild: Freundschaft am Arbeitsplatz ist für alle ein Thema, unabhängig von Alter, Geschlecht und Position. Wer mit seinen Kollegen auf derselben Wellenlänge liegt, hat nicht nur mehr Spaß bei der Arbeit. Auch von Vorteilen wie einander “den Rücken stärken”, “mehr Hilfsbereitschaft” und damit “effizienterem Arbeiten” ist die Rede.

Tatsächlich bestätigt die Organisationspsychologie, was der Einzelne im Berufsalltag erlebt: Büro-Freundschaften sind gut fürs Business. Motivierter, engagierter und ausgeglichener seien betroffene Mitarbeiter, resümiert das Gallup-Institut. Eine aktuelle Studie der Universität von Tel Aviv kommt sogar zu dem Ergebnis, dass solche Freundschaften die Kreativität beflügeln. Gute Beziehungen erhöhen das individuelle Sicherheitsgefühl – und deshalb gehen Mitarbeiter eher neue Wege.


Die neun entscheidende Faktoren für erfolgreiche Innovationen.

Dienstag, 01. November 2011

(Via DIE ERFINDER)


Vijay Govindarajan hat in einem Blogbeitrag für die Harvard Business Review neun entscheidende Faktoren für erfolgreiche Innovation zusammengestellt. Für jedes der neun Themen können Unternehmen Punkte auf einer Skala von eins (überhaupt nicht vorhanden) bis zehn (vollständig vorhanden) vergeben und anschließend für eine Gesamtbewertung addieren.

1. Zwingende Gründe für Innovationen
Wenn die Menschen nicht verstehen, warum Innovation nötig ist, wird immer das Kerngeschäft und das operative Geschäft den Großteil verfügbarer Ressourcen verschlingen. Darum muss es nicht nur nachvollziehbare, sondern auch zwingende Gründe für Innovation geben.

2. Eine gemeinsame, inspirierende Zukunftsvision
Der ideale Zeithorizont für eine Vision umfasst 10 bis 20 Jahre, wohlgemerkt mit klarer Blickrichtung Zukunft und nicht etwa zurück in die Vergangenheit, der viele Unternehmen immer noch eine viel zu große Bedeutung beimessen. Es geht bei der Vision nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern darum, Hypothesen zur Zukunft zu entwickeln.

3. Eine strategisch ausgerichtete Innovations-Agenda
Innovation ist eine Reise ins Unbekannte, auf der mehrere Wege beschritten werden können. Vor dem Start ist aber Folgendes wichtig zu wissen: 1) In welchem Geschäft sind wir augenblicklich, und in welchem möchten wir in Zukunft sein? 2) Welches Risiko nehmen wir in Kauf für große bahnbrechende Ideen?

4. Ein sichtbares Engagement des höheren Managements
Revolutionäre Innovationen können nur dann entwickelt werden, wenn die Budgetverantwortlichen die Innovationsarbeit für alle sichtbar unterstützen, aktiv mitwirken und dem an Innovationen arbeitenden Team Rückendeckung geben.

5. Entscheidungsfindung mit Teamwork und leidenschaftlichen Champions
Eine autokratische Entscheidungsfindung holt nicht alle kritischen Teilnehmer mit ins Boot, während ein Konsens jede Entscheidung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterschraubt. Es braucht einen leidenschaftlichen Gewinnertyp, der selber Entscheidungen treffen und andere mitreißen kann.

6. Ein Team mit Kreativität, Vielfalt und Hingabe
Die besten Teams zeichnet Folgendes aus: Projekt-Champions, die bei Arbeitssitzungen Entscheidungen treffen und diese auch den Sponsoren nahebringen können, relevantes Fachwissen und eine naive, manchmal irrelevant erscheinende Meinungsvielfalt.

7. Aufgeschlossene Erforschung der Marktfaktoren für Innovationen
Organisatorische Veränderungen basieren auf den Marktfaktoren: Kunden, Wettbewerber, gesetzliche Regelungen sowie Wissenschaft und Technik. Nur wenn ein Unternehmen diese Faktoren gründlich untersucht, kann es erkennen, was für die anvisierte Zukunft getan werden muss.

8. Risikobereitschaft mit Wertschätzung des Absurden
Innovatoren verstehen, dass es keine Wahl gibt. Sie müssen Risiken, oft auch große Risiken, eingehen und sich auf das Absurde, vermeintlich Irrelevante, zubewegen. Dadurch verschaffen sie sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten, die sich nur in die naheliegende Richtung bewegen.

9. Eine gut geplante, aber auch flexible Ausführung
Zunächst muss ein engagiertes Team für die Innovationsarbeit zusammengestellt werden. Ein Durchbruch kann nicht im operativen Geschäft erzielt werden, da dieses auf Effizienz und nicht auf Innovation abzielt. Das Team sollte mit dem Kerngeschäft in Verbindung stehen, damit es dessen Stärken nutzen kann. Und schließlich sollten Innovationsführer nach ihrer disziplinierten Durchführung von Experimenten und nicht nach kurzfristigen Profitzielen bewertet werden.

Auswertung für das eigene Unternehmen
Wer bei den neun Anforderungen jetzt insgesamt mehr als 70 Punkte erzielt hat, arbeitet bereits in einem sehr innovativen Umfeld. Wer unter 70 Punkten liegt, sollte bei den entsprechenden Themen für erfolgreiche Innovation noch nachlegen.


Wie innovativ ist Deutschland?

Sonntag, 02. Oktober 2011

Interessanter Film aus der Isarrunde!


Innovationsbremse: Der Verein Deutsche Sprache.

Sonntag, 28. August 2011

In der Süddeutschen hat gestern der “Verein Deutsche Sprache” eine relativ positive Berichterstattung bekommen.

Ich halte den Artikel leider für nicht gelungen.

Anbei ein paar Ausschnitte aus dem Artikel:

“Wer vom “Verein Deutsche Sprache” zum “Sprachpanscher des Jahres” gewählt wird, der hat in der Regel mit englischen Sprachimporten um sich geworfen. So geschehen bei der Deutschen Telekom, die auf Ihrem Web-Auftritt mit Angeboten “Call & Surf Comfort”, “Free Call International Advanced”, “CombiCard Teens”, “Entertain Comfort” die Kunden vielleicht auch ein wenig überfordert. Der Vorstandsvorsitzende René Obermann ist nun in Dortmund zum “Sprachpanscher des Jahres 2011″ gekürt worden – und tritt damit in die Fußstapfen seines Vorgängers Ron Sommer, der bereits 1998 den Negativpreis erhielt. Schon damals kritisierte der Verein das Unternehmen, es sei “zutiefst kundenfeindlich und menschenverachtend”, da die deutsche Bevölkerung zum größten Teil dem Englischen nicht mächtig sei. So ähnlich lautet auch die Begründung in diesem Jahr. Der Vorsitzende des “Vereins Deutsche Sprache” (VDS), der Dortmunder Wirtschaftswissenschaftler Walter Krämer, missbilligte erneut die übermäßige Nutzung von Anglizismen. “Die Deutsche Telekom hat ihre Kunden über Jahre hinweg mit englischen Sprachimporten verärgert. Der Besuch der Netzseiten der Firma ist eine Schocktherapie im Horrorkabinett der deutschen Sprache” .”

“Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unter Ratsvorsitzendem Nikolaus Schneider gibt Raum zur Beanstandung – und landet auf Platz drei. Die Sprachpuristen bemängeln hier die Veranstaltungstitel. So wolle die Kirche ihre Gläubigen mit “LutherActivities”, “Wellness für die Männerseele” oder “marriage weeks” bei der Stange halten.”

Ich frage mich, warum meine Lieblingszeitung die SZ diesem rückschrittlichen Verein ein Podium gibt. Die Sprache der Telekom als “menschenverachtend” zu bezeichnen, zeigt doch wie gern dieser Club zu Übertreibungen neigt.
Im Artikel wird geschrieben Herr Obermann hätte nichts dazu gelernt. Wird hier ernsthaft geglaubt, dass Herr Obermann der Meinung eines altmodischen Clubs wichtiger ist, als die Meinung renommierter Umfrageinstitute und Marktforschungsunternehmen?
Und zu den Vorwürfen gegenüber der Bahn: die Bahn verwendet englisches Vokabular, weil jährlich Millionen von Ausländer durch die Bahnhöfe reisen. Was sollen bitte japanische Reisende mit “Kartenverkaufsstelle” anfangen? Dieses Wort klingt grässlich. “Ticket Counter” ist genau richtig.
Und in was für einer Welt leben Menschen, die sich über “Wellness für die Männerseele” aufregen? Wer sich im Jahr 2011 noch über das Wort “Wellness” aufregt, dem ist einfach nicht mehr zu helfen.
Wer auf der Seite des “Verein Deutsche Sprache” herumsurft, erkennt schnell, dass sich ihre Fans wieder die alten Zeiten mit Heinz Schenk zurück wünschen. Es sind Menschen, die sich mit Veränderungen schwer tun. Hier mein Lieblingszitat auf der Seite, das in der Tat aus dem Jahr 2001 stammt. Also genau so Asbach Uralt wie der Verein:

„Warum soll in deutschsprachigen Gebrauchsanweisungen nicht ‚Rechner’ statt ‚Computer’, ‚Luftkissen’ statt ‚Airbag’, ‚Programm’ statt ‚Software’ stehen?“
(Christoph Böhr, Landesvorsitzender CDU Rheinland-Pfalz, in der Welt am Sonntag vom 11. 2. 2001)

Hier ist meine Antwort:
Warum “Airbag” statt “Luftkissen”? Auch die deutsche Sprache unterliegt den Gesetzen der Evolution. Für manche ist das sicherlich schwer vorzustellen: aber es gibt ganze Branchen in Deutschland in denen ausschließlich englisch gesprochen wird. Und alles was effizient ist, setzt sich durch. Und wenn sowieso nur englisch gesprochen wird, ist es eben effizient, das eine oder andere Wort (oder vielleicht sogar viele Wörter) ins Deutsche zu übernehmen.

Die Sprache unterlag schon immer dem natürlichen Wandel. Branchen in denen Sprachhüter per Dekret ihr Unwesen treiben (siehe Herr Ramsauer und sein Verkehrsministerium), schaden sich selbst, denn dadurch wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die die Unternehmen nachhaltig nicht innovationsfähig machen.

Die Sprache nämlich inspiriert zu neuen Gedanken und neue Wörter oder Wortschöpfungen regen zum Querdenken an. Neue Sprachmuster sprengen alte Denkmuster. Wer will, dass die Sprache so bleibt wie sie immer war, der ist deshalb in der Tat ein Innovationsverhinderer.

Übrigens! In den 100 innovativsten Unternehmen Deutschlands wird zum größten Teil ausschließlich englisch kommuniziert. Dem “Verein Deutsche Sprache” kann ich deshalb nur raten: wenn ihr wollt, dass es euch noch in 100 Jahren gibt, dann lernt englisch!