Seit eineinhalb Jahren wohne ich nun in München. Meine Frau und meine Tochter zogen vor wenigen Monaten nach. Und natürlich begann eine spannende Zeit für meine Frau. Denn sie hatte ihren Job in Hamburg gekündigt und wollte sofort einen neuen in München finden. Das hat sie auch mittlerweile längst. Und sie ist sehr glücklich.
Während der Bewerbungsphase jedoch musste sie sich immer wieder mit den Bewerbungsportalen der großen Markenunternehmen im Internet auseinandersetzen. Denn für alle die das nicht wissen: Bewerbungsunterlagen kann man heute schon lange nicht mehr offline einsenden. Das geht heutzutage ALLES online.
Und da mussten wir schon staunen!
Selten haben wir erlebt wie manche Firmen jeglichen kreativen Spielraum der Bewerber absichtlich kleinhalten wollen. Wirklich schlimm ist es bei den richtig großen Unternehmen: hier wird offensichtlich nicht nach kreativen und innovativen Mitarbeitern gesucht, sondern nach Menschen, die sich am besten in ein Schema pressen wollen.
Anbei einige erstaunliche Anektdote meiner Frau während des Bewerbungsprozess:
Vor ein paar Monaten zog ich meinem Mann hinterher nach München. Ich freute mich sehr auf den Umzug, den Tapetenwechsel und vor allem auf ein neues Unternehmen. Entschieden kündigte ich bei meinem langjährigen Arbeitgeber – ein großer internationaler Kosmetikartikelhersteller aus Hamburg. Ich war sehr optimistisch eine attraktive Marketing- oder Produktmanagementposition in München zu finden. Hat die Stadt doch den Ruf einer Wirtschaftsmetropole der ständig Fachkräfte ausgehen. Meine positive Einstellung kam nicht zuletzt auch daher, dass ich mich selbst als sehr flexibel und offen einstufte. Welche Branche? Da bin ich ganz offen. Warum nicht zum Beispiel Online-Marketing ausprobieren (bei Amazon?) oder in die bisher unbekannte Welt der Fashion einsteigen (Timberland? Triumph?). Eventmarketing würde mich auch reizen (bei BMW oder Rodenstock). Ich träumte mich in die Welt der unbegrenzten Jobeinstieg-Möglichkeiten hinein und war bereit einiges in Bewegung zu setzen. Grenzen Sprengen, das Ganze kreativ angehen, Neues ausprobieren, darauf hatte ich richtig Lust!
Im World Wide Web fand sich rasch eine Fülle an interessanten Anzeigen. Mein Elan bekam einen spürbaren Bremser als ich festgestellt hatte, dass man sich bei jedem Unternehmen als Bewerber registrieren musste. Dabei musste man seitenweise Online-Formulare ausfüllen, Bewerbungsunterlagen uploaden, etc. Selbstverständlich habe ich mich mit jedem Unternehmen intensiv auseinander gesetzt, ein individuelles Anschreiben war ein absolutes Muss. Es dauerte trotzdem locker 2 Stunden pro Bewerbung meine Schuljahre, 10 Jahre zurück liegende Praktika und weitere Details wieder und wieder in der für die HR-Beamten richtigen Reihenfolge in die Bewerbungsportale einzuhacken. Meine Kreativität und Individualität wurde in einen Rahmen gepresst.
Das Einhacken hat sich jedoch gelohnt – zahlreiche Einladungen für Gespräche flatterten ins Haus. „Haben Sie Erfahrungen im Trade Marketing?“ – fragte man mich in einem der ersten Gespräche. „Nein, noch nicht direkt, aber genau deshalb möchte ich da hin! Ausserdem habe ich Erfahrungen in den X, Y, Z Marketing-Bereichen und habe mit Trade Marketing Abteilung eng zusammen gearbeitet“. „Hm“.
„Diversity ist für unser Unternehmen von großer Bedeutung“ – dieser Satz in der Anzeige eines Yoghurt Herstellers hörte sich sehr gut an. Weniger gut klang dann die Absage: „Sie haben beeindruckende Qualifikationen, aber wir haben uns für einen Kandidaten aus dem Food-Bereich entschieden.“ Liebe Unternehmen, was ist mit „Diversity“, „Quereinsteigertum“ und somit mit Kreativität und Innovation? Schnell wurde mir klar, die Branche oder den Marketing-Bereich zu wechseln wird nicht so einfach sein, wie gedacht.
Weitere überraschende Seiten zeigten einige renommierte Unternehmen in puncto Unflexibilität und Trägheit. Ein führender Leuchtmittelhersteller meldete sich erst 1,5 Monate nach dem Einreichen der Bewerbung, das Gespräch fand noch einen Monat später statt, für die Entscheidung wollte man sich satte zwei Monate Zeit nehmen. „Denen rennen doch alle Spezialisten weg“ – dachte ich mir insgeheim. Und auch mich konnten sie nicht gewinnen – das ging mir alles viel zu langsam.
Bei meinem neuen Arbeitgeber ging Gott-sei-Dank alles sehr schnell. Es ist wieder ein internationaler Kostmetikhersteller geworden, allerdings habe ich den Marketing Bereich gewechselt.
Liebe Unternehmen, liebe HR- und Fachbereichentscheider, wenn es in Deutschland bald tatsächlich so kommt, wie es prophezeit wird, wenn der große Fachkräftemangel wirklich im Anmarsch ist, dann müsst auch ihr in der Zukunft kreativer, flexibler und offener für Neues werden! Diversity nutzt nur dann was, wenn es nicht als Schmuckstück in der Unternehmensphilosophie missbraucht wird. Der nächste Topbewerber kommt schneller als ihr denkt – aber ihr werdet ihn nicht bekommen, wenn eure HR-Leute nur Online-Formulare lesen können und erst nach sechs Wochen sich melden.



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